Wer fremde Sprachen nicht kennt,
weiß nichts von seiner eigenen.


  --- Johann Wolfgang von Goethe

 




Liebe Lebenskünstlerin, lieber Lebenskünstler,

   

warst du schon im Sale und hast dir ein paar coole Leggins gekauft? Oder sitzt du dauernd in Meetings mit dem Senior Manager oder dem Chief Supervisor?

Bullshit Bingo ist ein Spiel, das schon vor über 10 Jahren die Runde machte: Jedes Mal, wenn in einer Besprechung eins der unsäglichen Modewörter fiel, durfte man auf seinem Zettel ein Kreuzchen machen - wie beim Lotto.

Das Spiel, das man vor einigen Jahren nur in den großen Konzernen ("Global Player") spielen konnte, findet längst auch in unserem Privatleben statt:

Das kannst du knicken!

Knick it gibt es nicht im Englischen.
Knicken ist ein deutsches Wort.

   

Wir essen Fast Food, spülen unsere Wäsche mit der Mystery-Serie eines Herstellers und kaufen unsere Brötchen im Back-Shop. We love to entertain you! Bist du noch dabei?

 

Englisch ist cool. Wir lieben diese tollen Wörter und Sprüche. Und die Werbung dröhnt uns weiter damit zu. Untersuchungen haben dummerweise gezeigt, dass die meisten Menschen hierzulande überhaupt nicht verstehen, was man ihnen mit den englischsprachigen Werbungen verklickern möchte. Vielmehr noch: es gibt eine Menge Leute, die Englisch weder verstehen, noch sprechen können. Aber weil es eben so lässig ist, nehmen viele Leute völlig gedankenlos neue Vokabeln in ihren Wortschatz auf, ohne zu ahnen, was diese Wörter in der Landessprache - also in England, Irland, in Schottland, den USA, in Australien oder Neuseeland WIRKLICH bedeuten.

 

Vielen Menschen ist es peinlich, wenn sie etwas Falsches sagen und in ein Fettnäpfchen treten. Aber es scheint niemanden zu interessieren, was sich ein Brite denkt, der in Deutschland die Aufschrift "Back-Shop" zu Gesicht bekommt. Das heißt nämlich, wenn man es zurück übersetzt, so viel wie: Das ist ein Laden, in dem man Rückenteile (Ärsche?) kaufen kann. Backen heißt bake und im englischsprachigen Raum gibt man sich mit einem bread shop (= Brot-Laden) als Bäckerei zufrieden. Der Back-Shop oder gar die "Back-Factory" (Fabrik) gehören zu den übelsten Denglisch-Wortschöpfungen, die man sich überhaupt nur ausdenken konnte.

 

Unsere Vorliebe für englische Wörter will Internationalität und Weltoffenheit signalisieren, ist aber letztlich ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins. Weltoffenheit würde bedeuten, dass man sich ernsthaft darum bemüht, eine fremde Sprache richtig zu erlernen, um mit anderen Menschen gut kommunizieren zu können. Stattdessen reduzieren wir unseren eigenen Wortschatz immer weiter und verlieren angesichts der vielen aufgesammelten Anglizismen das Gefühl für unsere eigene Sprache.

 

Zugegeben, viele neue Wortschöpfungen kommen aus dem Englischen, weil die E-Mail und das Internet nun einmal im englischsprachigen Raum ihren Ursprung haben. Die Lehnwörter aus fremden Sprachen sind ja auch oft sehr praktisch, weil sie kurz, knapp und präzise ausdrücken, was gemeint ist, während wir im Deutschen lange Nebensätze bilden und nach den passenden Vokabeln ringen müssen, ohne das gleiche in ebenso prägnanter Form sagen zu können. Aber wie weit soll es gehen? Warum muss der Schlussverkauf zum Sale werden? Ein Croissant ist etwas anderes als ein Hörnchen, aber ich bestelle trotzdem einen Milchkaffee dazu und keinen Café au Lait. Aber ich bin vielleicht völlig out. Das heißt ja heute Coffee to go und dazu gibt's dann auch noch eine Zeitung-to-go. Ich dachte immer, Zeitungen wären zum Lesen da und Kaffee zum Trinken. Aber Zeit zum Hinsetzen und Trinken und Lesen hat sowieso keiner mehr, weil ... wahrscheinlich weil alles "to go" ist?

Es ist nicht so, dass wir Sprache benutzen. Es ist vielmehr so, dass Sprache auch etwas mit uns macht. Was wir sagen und wie wir es sagen hat Einfluss auf unser Leben. Wir können unsere Worte weise wählen, oder sie wie eine Waffe benutzen.

 

Viele Kinder und Jugendliche stammen heute aus fremdsprachigen Elternhäusern, in denen weder die Muttersprache noch die Landessprache richtig erlernt werden kann. Langsam aber sicher bewegen wir uns auf einen babylonischen Sprach-Wirrwarr zu... Positiv ausgedrückt: es entwickelt sich gerade ein Deutsch-Englisch-Irgendwas-Esperanto. Das Problem daran ist, dass wir uns langfristig auf einen Minimal-Wortschatz reduzieren, der wohl ausreicht, um sich zu verständigen, aber mit dem sich keine tiefgründigen Themen vermitteln lassen. Fehlerfrei sprechen und schreiben können wird irgendwann das Privileg einer sehr kleinen Bevölkerungsschicht sein, wenn wir den Hintern nicht rechtzeitig hoch kriegen.

 

Sprache ist etwas Lebendiges und immer ein Zeichen für das, was in einem Land oder in einer Kultur vorgeht. Der Verlust der Sprache ist auch der Verlust von Identität. Und vermutlich ein Vorzeichen für das Verschwinden einer - unserer - Kultur. Es war angeblich Goethe, der sinngemäss gesagt hat, dass sich die Seele eines Volkes in seiner Sprache offenbart. Wir verraten unsere Seele, wenn wir unsere Sprache vernachlässigen, wenn wir Wörter vermischen. Das gilt nicht nur für Deutsch, sondern für jede Sprache, die vernachlässigt wird. Nicht jeder ist ein Sprach-Genie, aber wir erweitern unseren Horizont, wenn wir fremde Sprachen (richtig) lernen. Es ist der Kauderwelsch aus den Führungsetagen und Werbeagenturen, der in die Sackgasse führt.

  • Wenn du durch die Stadt fährst und Plakatwände anschaust: schau bewusst hin.
  • Wenn du in deiner Firma einen Satz Folien liest: wie viel davon verstehst du wirklich?
  • Versuche einmal, einen englischen Foliensatz so ins Deutsche zu übersetzen, dass deine Großmutter (87 Jahre) oder deine kleine Tochter (5) verstehen, was gemeint ist.
  • Wenn du das nächste Mal einkaufen gehst oder fern siehst, dann achte auf die Produktnamen und Werbesprüche.
  • Verstehst du, was dir die Werbemacher sagen wollen?
  • Finde eigene Worte dafür, am besten in deiner eigenen Muttersprache.
  • Wenn du sprichst, achte mal darauf, wie oft du Wörter benutzt, die nicht aus deiner eigenen Muttersprache stammen.

Wenn du nach Übersetzungen suchst, hilft LEO

 

Wir werden in nächster Zeit mal überlegen, wie wir das mit unseren beruflichen Themen anstellen können: Wenn Work-Life-Balance, Coaching und Fotoworkshops tabu sind, was haben wir dann zu bieten?

 

Wir freuen uns auf Eure Vorschläge und Meinungen

 

Jacqueline & Thomas

 

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Teste dein Sprachgefühl

 

Jacqueline hat vor über 20 Jahren eine Ausbildung zur Übersetzerin gemacht. Deshalb ist sie bei holprigen Übersetzungen besonders empfindlich. Ein aktuelles Beispiel für einen übersetzten Witz möchten wir euch vorstellen:

 

Originaltext:

Ein Fremder wurde im Flugzeug neben ein kleines Mädchen gesetzt. Der Fremde wandte sich ihr zu und sagte: "Reden wir ein wenig zusammen, ich habe gehört, dass Flüge schneller vorüber gehen wenn man mit einem Mitpassagier redet."

Das kleine Mädchen welches eben ihr Buch geöffnet hatte, schloss es langsam und sagte zum Fremden, "Über was möchten sie reden?"

"Oh, ich weiß nicht", antwortete der Fremde. "Wie wär's über Atomstrom?"

"OK", sagte sie. "Dies würde ein interessantes Thema sein. Aber erlauben sie mir zuerst eine Frage. Ein Pferd, eine Kuh und ein Reh essen alle dasselbe Zeug, nämlich Gras. Aber das Reh scheidet kleine Kügelchen aus, die Kuh einen flachen Fladen, und das Pferd produziert Klumpen getrocknetes Gras. Warum denken sie, dass dies so ist?"

Der Fremde denkt darüber nach und sagt, "Nun, ich habe keine Idee."

Darauf antwortet das kleine Mädchen, "Fühlen sie sich wirklich kompetent um über Atomstrom zu reden wenn sie nicht einmal über Scheiße Bescheid wissen?"

Wie ein Deutscher diesen Witz erzählen würde:

In einem Flugzeug wird jemandem der Platz neben einem kleinen Mädchen zugeteilt. Der Passagier wendet sich an das Mädchen und sagt: "Wollen wir uns ein bißchen unterhalten? Ich habe gehört, dass die Zeit schneller vergeht, wenn man mit anderen Leuten spricht."

Das kleine Mädchen schließt langsam das Buch, das es eigentlich lesen wollte, und sagt: "Worüber möchten Sie denn sprechen?"

"Oh, ich weiß nicht", antwortet der fremde Passagier. "Wie wär's mit Atomstrom?"

"'Gut", sagt das Mädchen. "Das ist bestimmt ein interessantes Thema. Aber zuerst möchte ich Sie etwas fragen: Ein Pferd, eine Kuh und ein Reh fressen alle dasselbe Zeug, nämlich Gras. Aber das Reh macht hinterher kleine Kügelchen, die Kuh einen flachen Fladen, und beim Pferd kommt ein Klumpen getrocknetes Gras hinten heraus. Was glauben Sie, warum ist das wohl so?"

Der fremde Passagier denkt eine Weile nach und sagt schließlich, "Hm, ich weiß es nicht."

Darauf das kleine Mädchen, "Wie wollen Sie mit mir über Atomstrom reden, wenn Sie nicht einmal über Scheiße Bescheid wissen?"

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Es sind die Feinheiten, die über gute und schlechte Übersetzungen entscheiden. Deshalb sollte ein übersetzter Text immer von einem Muttersprachler korrigiert werden. Und für das Trainieren des Sprachgefühls können wir nur eins empfehlen: lies so viel du kannst. Möglichst Bücher, die vorher durch ein Korrektorat gegangen sind, denn bei so vielen "Books on Demand" und Eigenverlagen kann inzwischen schon auch mal was grusliges dabei sein.

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Lesetipps

Sprache
oder: Was den Mensch zum Menschen macht

von Nikolaus Nützel

Interessantes und Verblüffendes rund um das Thema Sprache

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Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt.
Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommnikation

von Serena Rust

Das Buch basiert auf der Methode der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg. Es vermittelt die Schritte zu einer erfolgreichen Kommunikation, bei der alle gewinnen können. Einfühlung und Verständnis anstelle von Kampf und Rechthaberei

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In eigener Sache

Unser Neuigkeitenbrief ist diesmal länger als sonst. Normalerweise erscheint er zweimal im Monat. Ende Juni, genau an dem Tag, an dem Jacqueline den Text schreiben und ins Netz laden wollte, hat uns ein so genannter GAU erwischt (= Größter Anzunehmender Unfall): wir waren von einer Sekunde zur anderen für mehrere Tage ohne Telefon- und Internetverbindung. Irgendwo in München hatte eine Vermittlungsstelle ihren Geist aufgegeben, und die Dienstleistungsmitarbeiter der Telekom brachten Jacqueline an den Rand des Nervenzusammenbruchs, als sie ihr eröffneten, dass die Behebung der Störung bis zu sechs Wochen dauern könne. Für jemanden, der den größten Teil seines Geschäftes übers Internet abwickelt, sind das wahrlich rosige Aussichten. Wir haben lange gezögert, den Anbieter zu wechseln, weil wir einen längeren Ausfall der Leitungen nicht riskieren wollten. Das war ein Fehler. So haben wir folgendes gelernt:

  1. Wenn es kommt, kommt es sowieso - egal, welche Sicherheitsvorkehrungen du getroffen hast
  2. Selbst im schlimmsten Fall findet sich eine Lösung. In unserem Fall hieß sie Internetcafe.

Es war nicht ideal, aber wir waren immerhin eingeschränkt arbeitsfähig. Es mussten nur ein paar Abläufe um-organisiert werden. Flexibilität hat sich, wie so oft, als die beste Strategie erwiesen...

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Kon/ZEN/trierte Fotografie

Tageskurs in München

Bei der Gestaltung von Fotos kommt es darauf an, genau zu beobachten und sich aufs Wesentliche zu konZENtrieren. Fotografieren lernen heißt: sehen lernen. Wer unaufmerksam ist, übersieht vieles. Die Zen-Meditation führt zu mehr innerer Ruhe, Konzentration und geistiger Klarheit. Wir machen an diesem Tag Entspannungs- und Konzentrationsübungen, um den Alltagsstress loszulassen. Dann gehen wir zum Fotografieren los, ohne uns durch viele Worte und das Herumhantieren mit der Kameratechnik vom Wesentlichen ablenken zu lassen.

Samstag, 28. Juli 07 von 10-16 Uhr
Nachbesprechung am darauf folgenden Montag von 19-20:30 h*

145,- EUR je Teilnehmer
In der Kursgebühr enthalten: vegetarischer Mittags-Snack, Alkoholfreie Getränke

*Falls Teilnehmer über eine größere Entfernung anreisen, kann die Besprechung auch am Samstag stattfinden; Voraussetzung ist dann die Nutzung einer Digitalkamera.
Infos und Anmeldung

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Und dann war da noch...

...der amerikanische Schriftsteller Frank Harris (1856-1931), der sagte:

Jede neue Sprache ist wie ein offenes Fenster,
das einen neuen Ausblick auf die Welt eröffnet
und die Lebensauffassung weitet.


Danke für deine Aufmerksamkeit!

Jacqueline & Thomas

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Der Lebenskunst-Newsletter ist die Fortführung des betrachtenswert-Newsletters
ISSN 1617-7282

 

Er ist ein gemeinsamer Service von

www.zenkreis.de und www.betrachtenswert.de

und erscheint 8-10 x im Jahr mit kurzen Zitaten,

Gedankenimpulsen, TV-Tipps, Aufgelesenem, Humor und/oder Buchtipps.

Weiterleitung ist erwuenscht. Unsere Texte duerfen ohne Rueckfrage

verwendet und zitiert werden, wenn der Lebenskunst-Newsletter als

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