Die böse Fee

Drei Feen waren zur Taufe eines Prinzen eingeladen. Die erste versprach ihm die Gabe, seine Liebe zu finden. Die zweite versprach ihm so viel Geld, daß er tun konnte, was er wollte. Die dritte versprach ihm Schönheit.

 
     

Doch wie in allen Märchen erschien die böse Fee. Sie war zornig darüber, daß sie nicht eingeladen worden war, und sprach einen Fluch: "Da du bereits alles hast, gebe ich dir noch mehr. Du wirst das Talent zu allem haben, was du tun möchtest."

Der Prinz wuchs heran, war schön, reich und verliebt. Doch er erfüllte nie seine Mission auf Erden.

Er war ein ausgezeichneter Maler, Bildhauer, Musiker, Mathematiker, doch es gelang ihm nie, eine Aufgabe zu vollenden, weil er immer schnell abgelenkt war und etwas anderes machen wollte.

Der Meister sagt: "Alle Wege führen zum selben Ort. Doch wähle deinen eigenen Weg und geh ihn bis zum Ende. Versuche nicht, alle Wege zu beschreiten."

aus Paulo Coelhos "Der Wanderer"

Eines Tages war der Prinz wieder einmal sehr traurig und frustriert darüber, dass er so wenig erreicht und geschafft hatte. Trotz all seiner Talente und seines unermüdlichen Fleißes hatte er am Ende des Tages immer doppelt so viele Aufgaben, als am Tag zuvor. Resigniert hatte er verschiedene Projekte eingestampft und liegen gelassen, aber wenn er daran dachte, dann immer mit einem gewissen Bedauern. Sein Herz war traurig und auch die Prinzessin und die vielen Edelsteine konnten ihn nicht darüber hinweg trösten. Er stieg in den höchsten Turm seines Schlosses und öffnete die Fenster ganz weit. Lange starrte er in den Schlosshof, bis er eine warme Frühlingsbrise auf der Haut spürte. Er hob den Blick und sah zum Himmel. Da erblickte er eine zauberhafte Fee, die ihn freundlich ansah.

„Sei nicht traurig“, sagte sie. „Die böse Fee hat dir all diese Talente gegeben – und dazu gehört auch das Talent, mit ihnen zu jonglieren. So wie du gelernt hast ein guter Mathematiker und Künstler zu sein, wirst du auch ein guter Talente-Jongleur werden. Du wirst die Vielfalt deiner Fähigkeiten so zu nutzen wissen, dass sich dein Leben zu einem Gesamtkunstwerk entwickelt. Alles was du brauchst, sind Geduld, Gleichmut und die Fähigkeit, dein Leben mit einer inneren Distanz zu betrachten – so als wärest du heute schon hundert Jahre alt. Diese Fähigkeiten will ich dir heute schenken!“

Der Prinz spürte einen sanften Hauch, der ihn umspielte und dann durch den Turm des Treppenhauses hinunter ins Schloss wehte. Er hörte einige Fenster und Türen auf- und zuschlagen und wusste, dass der Geist der Fee das gesamte Schloss verwandelt hatte. Mit einer Mischung aus Staunen und Freude lief der Prinz die Treppen hinunter. In seinem Arbeitsraum waren fünf Diener dabei, die Papiere und Fotos, die der Windstoß vom Tisch gefegt hatte, wieder aufzusammeln.

„Moment!“ rief der Prinz und griff selbst nach den Unterlagen. Er schaute auf die Blätter, die neu sortiert einen ganz anderen Zusammenhang ergaben.

„Das ist genial!“ Voller Freude setzte sich der Prinz an seinen Tisch. Er hatte eine neue Entdeckung gemacht! Und weil er ja noch einige Jahre vor sich hat, dürfte es nicht die letzte gewesen sein.

Übrigens hatte niemand dem Prinzen jemals Sprunghaftigkeit und mangelnde Konsequenz vorgeworfen. Seine Untertanen liebten ihn, denn er beschenkte sie reich mit seinen Talenten. Vorwürfe hatte er sich nur immer selbst gemacht. Und das war auch der einzige Fluch, den die böse Fee ihm wirklich mitgegeben hatte. Als der Prinz erkannte, dass es keine Vollendung gab, und dass es reichte, glücklich und zufrieden sein Tagwerk zu vollbringen, genoss er sein Leben in vollen Zügen… und so ganz nebenbei profitierte das ganze Land von seinen Ideen und seiner Tatkraft.

aus Jacqueline Esens Umdichtungen

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